„Wir kämpfen um jeden einzelnen Ton.“
Zu Gast beim Restaurator der Orgel in Witterda

In Witterda geht die umfangreiche, 2013 begonnene Restaurierung der 170 Jahre alten Orgel in der Kirche St. Martin ihrem Ende entgegen. Das Instrument wurde zu rund 75 Prozent erneuert, und am 23. August wird es ein klanggewaltiges Einweihungskonzert geben.

Bis dahin aber hat Orgelbaumeister Bernhard Kutter aus Friedrichroda mit seinen Mitarbeitern noch alle Hände voll zu tun. Wir durften ihm bei seiner Arbeit über die Schulter schauen und bekamen ein Gefühl für dieses hochkomplexe, anspruchsvolle Handwerk.

Jede Orgel, so erfahren wir, wird individuell auf die baulichen Gegebenheiten der jeweiligen Kirche angepasst – Raumgröße und -akustik finden dabei ebenso Berücksichtigung wie die konfessionell geprägte Liturgie, die Konzertliteratur der Epoche, in der das Instrument gebaut wird – kurzum: das musikalische Werk, das es mit der Orgel zu spielen gilt.

Auch Orgelbauer und die Organisten bestimmten Gestalt und Klangvolumen einer Orgel maßgeblich mit, und so verwundert es nicht, dass eine Orgel auch viel über ihren Erbauer verrät. Und so offenbart die Witterdaer Orgel, dass Johann Michael Hesse aus Dachwig, der sie schuf, durchaus dazu neigte, seine Instrumente zu groß zu dimensionieren. Zugute zu halten ist ihm allerdings, dass er das größtmögliche Klangvolumen – erzeugt durch die tiefen Töne der großen Orgelpfeifen – erreichen wollte, also jenen Gänsehaut verursachenden Klang, der auch heute noch bei Konzerten und Gottesdiensten die Zuhörer begeistert.

Die Kehrseite der Medaille: Große Orgelpfeifen benötigen viel Wind, damit sie ertönen können, und dieser war mit der klassischen Mechanik nur mit immensem Kraftaufwand, mitunter aber auch gar nicht mehr zu erzeugen. Das heißt, eine solche Orgel war nur sehr schwer spielbar.

Zur Beurteilung der Spielschwere einer Orgel wird der Kraftaufwand gemessen, mit dem eine Taste gedrückt wird. Im Schnitt sind das bei heute gebauten Instrumenten zwischen 140 und 200 Gramm pro Taste, pro Hand also zwischen 700 und 1.000 Gramm. Die Witterdaer Orgel jedoch verlangte dem Organisten rund 400 bis 1.000 Gramm pro Taste ab, also pro Hand zwei bis vier Kilo. Das ist selbst für Virtuosen eine kaum zu leistende Schwerstarbeit.

Folgerichtig hat Orgelbauer Kutter als ein wichtiges Ziel seiner Arbeit die Erleichterung des Orgelspiels in den Fokus gerückt. Erstmals wurden deshalb auch die Windladen aus der Orgel ausgebaut und in ihrer Konstruktion so optimiert, dass jetzt mit einem Tastendruck von 200 bis 300 Gramm musiziert werden kann. So kann das Instrument seine vielfältige Klangfarbe – vielleicht erstmalig – in vollem Umfang darbieten.

Das zweite – wohl größte Problem für die Restaurierung war der Holzwurmbefall. Besonders in den sensiblen Bereichen der Orgel – in der Mechanik und den kleinen und mittleren Holzpfeifen – hat der Holzwurm erhebliche Schäden verursacht. Das kommt nicht von ungefähr, denn hier kommen die härtesten Hölzer zum Einsatz wie z.B. Weißbuche. Und die wird vom Holzwurm besonders geliebt. Wird der Befall offenkundig, ist es bereits zu spät, und die Holzelemente sind unrettbar verloren.

Aber auch an Tragwerk, Mechanik und Blasebalg hat die Zeit deutliche Spuren hinterlassen und sie mussten in weiten Teilen erneuert werden. Nicht zuletzt galt es, das Dach abzudichten, damit künftig Flugschnee und Nässe die Orgel nicht beschädigen können.

Der Blasebalg, der die Orgelpfeifen mit Wind versorgt, wurde wieder in den Turm der Kirche verlegt, wo er ursprünglich positioniert war. Auch dies wird der Entfaltung des vollen Orgelklanges zugute kommen. So sind alle Windleitungen wieder im Originalzustand, und für das Instrument herrschen künftig ideale klimatische Bedingungen.

Derzeit läuft die Intonation – ein hochkomplexer und diffiziler Vorgang, der alle 1.800 Orgelpfeifen zum Klingen bringt und sie so aufeinander abstimmt, dass das Instrument ein einzigartiges Klangerlebnis vermittelt. Jede Pfeife ist als vollständiges Musikinstrument zu betrachten, auch wenn es nur einen einzigen Ton abgibt. Bei den neuen Holzpfeifen muss dieser Ton überhaupt erst einmal durch die Instrumentenbauer erzeugt, Klangfarbe und Tonstärke müssen ausgebildet werden. Bei den Holzpfeifen, die erhalten werden konnten, ist eine Feinjustierung unerlässlich. Das betrifft auch die zahlreichen Metallpfeifen, die aus einer relativ weichen Legierung von Zinn und Blei bestehen. Die Herausforderung besteht hier darin, den ursprünglichen Klang wieder zu finden, der im Laufe der Zeit durch teilweise unsachkundige mechanische Bearbeitung gelitten hat.

Im Gegensatz zu den Holzpfeifen, erzeugen die Metallpfeifen bereits von Anbeginn ihren Ton. Sie sind scharfkantig und präzise.

Wie genau intoniert wird, bleibt Orgelbaumeister Kutters gut gehütetes Geheimnis. Viel Erfahrung, eine systematische Herangehensweise und perfekt sitzende Handgriffe sind unabdingbare Voraussetzungen. Sein Ehrgeiz besteht darin, das beste Klangergebnis zu erzielen. „Dabei kämpfen wir um jeden einzelnen Ton.“, beschreibt er seinen hohen Anspruch. Wer den Orgelbauern zusieht, ist sicher, dass sich ihre Arbeit in bester Weise auf Klang der Orgel auswirken wird und ist voller Vorfreude auf klangvolle Konzerte.

 

Autor: B. Köhler  Fotos: B. Köhler

Impressionen

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